Familie Kohlmann

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Stadtarchiv

Familie Schaye - Verlegeort: Zinzendorfstraße 16/Ecke Meißner Straße

Brunhilde Kohlmann (1897-1984)

als „jüdisch“ verfolgt

Stolpersteininschrift:

HIER WOHNTE
BRUNHILDE
BRONISLAVA
KOHLMANN
GEB. WEICH
JG. 1897
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
SEIT 1944 ZWANGSARBEIT
KARTONAGENFABRIK BAUER
ÜBERLEBT

Bronislava, später Brunhilde Kohlmann, wurde am 13. August 1897 in Lemberg (heute Lwiw) als Tochter des Schlossermeisters Alexander
(Aleksander) Weich und der Minna, geb. Krebs, geboren. Sie war jüdischer Religion. Nach zehn Jahren Schulbesuch in Lemberg kam sie nach dem Tod ihrer Mutter, die im Alter von 37 Jahren an einem Sarkom starb, nach Dresden, wo sie den Haushalt ihrer Großmutter führte. 1921 lebte sie in der Tetschener Straße 20, offenbar zur Untermiete.

Am 12. November 1921 heiratete sie Johannes Kohlmann. Das Paar hatte zwei Kinder, Ursula und Alexander. Möglicherweise bereits vor der Heirat war Brunhilde zum evangelisch-lutherischen Bekenntnis ihres Mannes übergetreten; später gehörte sie jedenfalls nicht mehr der jüdischen Religion an. 1922 übernahm ihr Mann eine Praxis in Großenhain, in der sie mitarbeitete. Nach dem Umzug der Familie nach Radebeul 1932 arbeitete sie auch in seiner Privatklinik in der Zinzendorfstraße 16. 
Dort assistierte sie im Operationssaal und war für die Wirtschaftsleitung zuständig.

Die antisemitische Verfolgung durch die Nationalsozialisten traf auch die Familie Kohlmann. Brunhilde musste die wirtschaftliche Leitung der Privatklinik abgeben und durfte die Klinik nach eigenen Angaben nicht mehr betreten. 1939 gestattete der NSDAP-Oberbürgermeister Heinrich Severitt zunächst, dass sie statt Bronislava den Vornamen Zilla führen durfte. Diese Verfügung wurde 1940 widerrufen. Stattdessen erhielt sie den zusätzlichen Zwangsvornamen „Sara“, der sie als Jüdin stigmatisierte. Ab September 1940 führte sie eine Kennkarte mit dem „J“ für „Jude“.

Wiederholt war sie Denunziationen und Maßnahmen der Geheimen Staatspolizei ausgesetzt; ihr wurde auch mit der Einweisung in ein Konzentrationslager gedroht. Öffentliche Verkehrsmittel durfte sie nicht mehr benutzen. 1944/45 wurde sie in der Dresdner Kartonagenfabrik Bauer zur Zwangsarbeit verpflichtet und der „jüdischen Abteilung“ zugeordnet. 
Nach ihren Angaben musste sie eine gelbe Armbinde tragen. Den „Judenstern“ musste sie aufgrund ihrer Ehe mit einem als „arisch“ eingestuften Mann und ihrer beiden Kinder nicht tragen.

Nach einem Beschluss des Reichssicherheitshauptamts vom 13. Januar 1945 sollten alle arbeitsfähigen, in „Mischehe“ lebenden Juden nach Theresienstadt deportiert werden. Auch Brunhilde erhielt einen Deportationsbescheid. Ihre Deportation war für den 16. Februar 1945 vorgesehen, kam jedoch infolge der Luftangriffe auf Dresden nicht zustande. Sie konnte deshalb bis zum Kriegsende in Radebeul bleiben. 
Nach eigenen Angaben waren ihr Vater, ihre Schwester Julia Bodek und deren Kinder Marion und Ralf bereits 1942 in Stanislawow (Polen) von der SS ermordet worden.

Nach 1945 übernahm Brunhilde Kohlmann erneut die Wirtschaftsleitung der Privatklinik und ihrer Küche. Am 22. November 1947 wurde sie als Opfer des Faschismus (OdF) anerkannt. Auch nach dem Tod ihres Mannes 1949 blieb sie zunächst für die wirtschaftliche Leitung der chirurgischen Klinik verantwortlich. Im September 1949 wurde ihr OdF-Status jedoch wieder aberkannt. Zur Begründung hieß es, sie sei weder inhaftiert gewesen noch habe sie den Judenstern getragen und sei nach eigenen Angaben lediglich zum Arbeitseinsatz verpflichtet worden. Damit verlor sie auch die mit dem Status verbundenen Vergünstigungen.

Kohlmann legte Einspruch ein und bemühte sich um eine erneute Anerkennung. 1950 wurde ihr unter anderem vorgehalten, politisch nicht aktiv zu sein. 1951 wurden weitere Nachforschungen zu ihrer jüdischen Herkunft angestellt. Als Nachweis ihrer Verfolgung legte sie ihre 1940 ausgestellte Kennkarte vor. Am 27. Juni 1951 wurde sie schließlich erneut als Verfolgte anerkannt und Mitglied der VVN. Zu dieser Zeit lebte sie weiterhin in der Zinzendorfstraße 16 und wurde als Hausfrau geführt.

Am 27. Februar 1953 verließ sie gemeinsam mit ihrer Tochter Ursula die DDR und gelangte über Westberlin nach Westdeutschland. Nach ihrer Flucht wurde die Klinik in der Zinzendorfstraße in Staatseigentum überführt und als Außenstelle des örtlichen Krankenhauses beziehungsweise der Poliklinik genutzt. Die Kohlmanns blieben jedoch im Grundbuch als Eigentümer eingetragen. Das Inventar der Klinik, darunter Möbel, Antiquitäten und Gemälde, wurde teilweise Museen übergeben und teilweise verkauft.

Die Verfolgungserfahrungen belasteten Brunhilde Kohlmann schwer. Sie sprach kaum darüber und lebte die meiste Zeit mit ihrer Tochter zusammen. Am 6. Juli 1984 starb sie in Altbach bei Stuttgart. Sie wurde kirchlich beigesetzt.

Text: D. Ristau

Johannes Kohlmann (1886-1949)

als „jüdisch versippt“  ( >> Begriff "jüdisch versippt") verfolgt

Stolpersteininschrift:

HIER WOHNTE
JOHANNES
KOHLMANN
JG. 1886
DRANGSALIERT
ÜBERLEBT

Anton Johannes (Hans) Kohlmann wurde am 26. Juli 1886 in Dresden geboren. Sein Vater, der Finanzkanzlist Anton Ludwig Kohlmann (gest.

1915), und seine Mutter Ida Rosalie, geb. Hofmann (1861–1940), waren evangelisch-lutherisch. Die Familie wohnte zunächst in der Reisigerstraße 19. Kohlmann hatte vier Schwestern, von denen drei früh an Rachitis starben. Sein Vater stieg bis zum Finanzministerialsekretär auf und zog mit der Familie mehrfach innerhalb Dresdens um. 

Johannes Kohlmann studierte Medizin und promovierte am 9. Mai 1913 an der Universität Leipzig zum Doktor der Medizin. Über seine anschließende Tätigkeit ist wenig bekannt. Offenbar arbeitete er zunächst als Assistenzarzt am Diakonissen- und Krankenhaus Bethanien in Stettin. Nach Familienüberlieferung war er zeitweise auch als Schiffsarzt tätig und bereiste dabei unter anderem Asien, wodurch sein Interesse an asiatischer Kunst geweckt worden sein soll. Zudem soll er vor seiner Rückkehr nach Dresden Assistenzarzt bei dem renommierten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch gewesen sein. 

Spätestens 1921 lebte Kohlmann wieder in Dresden, wo er als praktischer Arzt arbeitete. Am 12. November 1921 heiratete er die fast elf Jahre jüngere Brunhilde Kohlmann. 1922 übernahm er eine Arztpraxis in der Klostergasse 10 in Großenhain, wohin die Familie zog. 

1932 übersiedelte Johannes Kohlmann nach Radebeul und eröffnete in der Carolastraße 16 (heute Zinzendorfstraße) eine chirurgische Praxis. 1938 konnte er das Gebäude erwerben und wurde als Eigentümer ins Grundbuch eingetragen. Während des Zweiten Weltkriegs waren auch zwei Polinnen im Haus beschäftigt, die nach Angaben der Familie „beste Aufnahme“ gefunden hätten. 

Die nationalsozialistische Verfolgung seiner Frau und ihrer Kinder setzte auch Kohlmann selbst unter Druck. Unter anderem soll ihm eine Trennung von Brunhilde nahegelegt worden sein. Er hielt jedoch zu seiner Frau, deren ‚jüdische‘ Herkunft bekannt war, und trug damit dazu bei, dass sie von manchen antisemitischen Maßnahmen verschont blieb. Die Belastungen wirkten sich offenbar auch auf seine Gesundheit aus.
Brunhilde Kohlmann erklärte nach seinem Tod, er habe unter den „dauernden seelischen Aufregungen“ sehr gelitten, wodurch sein Leben verkürzt worden sei. Tatsächlich erkrankte er an der Bauchspeicheldrüse, entwickelte einen schweren Diabetes und erblindete gegen Ende seines Lebens. 

Nach Kriegsende wurden in seiner Klinik zahlreiche Soldaten der Roten Armee behandelt. Angeblich wurde ihm sogar das Amt des Radebeuler Bürgermeisters angeboten; zeitweise war er zudem Mitglied des FDGB.
Johannes Kohlmann starb am 1. September 1949 im Alter von 63 Jahren in Radebeul und wurde auf dem dortigen Friedhof beigesetzt.

Text: D. Ristau

Ursula Kohlmann (1922-2000)

als "jüdischer Mischling 1. Grades" verfolgt

Stolpersteininschrift:

HIER WOHNTE
URSULA
KOHLMANN
JG. 1922
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
STUDIENVERBOT
SEIT 1944 ZWANGSARBEIT
KARTONAGENFABRIK BAUER
ÜBERLEBT

Ursula Kohlmann wurde am 18. Juli 1922 in Dresden geboren. Nach ihren ersten Schuljahren in Großenhain zog sie 1932 mit ihrer Familie nach Radebeul in die Carolastraße 16 (heute Zinzendorfstraße).

Als Schülerin und ‚jüdischer Mischling 1. Grades‘ war sie antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Dennoch setzte sie ihre Schulbildung fort und erwarb vermutlich in Dresden das Abitur. Ein Studium blieb ihr während der NS-Zeit verwehrt. Anschließend half sie wahrscheinlich in der Klinik ihres Vaters mit und wurde wie ihre Mutter 1944/45 zur Zwangsarbeit in der Dresdner Kartonagenfabrik Bauer verpflichtet. Das Kriegsende erlebte sie in Radebeul.

Nach 1945 studierte sie Medizin in Jena und promovierte dort am 2. Februar 1953 zur Doktorin der Medizin. Anschließend arbeitete sie zunächst im Krankenhaus Dresden-Johannstadt. Als sie sich gegen eine Dienstverpflichtung auf einer Baustelle der Kriegsmarine in Binz auf Rügen wehrte, wurde ihr unter anderem mit dem Entzug der geplanten Vollapprobation gedroht. Daraufhin floh sie am 27. Februar 1953 gemeinsam mit ihrer Mutter über Westberlin nach Westdeutschland.

In Baden-Württemberg nahm Ursula Kohlmann ihre ärztliche Tätigkeit erfolgreich auf. Zeitweise soll sie dort die erste Chefärztin gewesen sein, ließ sich jedoch wieder zur Oberärztin zurückstufen, um weiterhin unmittelbar mit Patienten arbeiten zu können. Eine Zeit lang war sie auch als Ärztin in Zürich tätig.

Ursula Kohlmann heiratete nie und hatte keine Kinder. Sie lebte zeitweise mit ihrer Mutter zusammen. Gemeinsam mit ihrem Bruder erlebte sie später den Mauerfall und setzte sich für die Rückübertragung der Villa in der Zinzendorfstraße 16 in Radebeul und ihres Inventars an die Familie ein.

Ursula Kohlmann starb am 1. Januar 2000 in Stuttgart.

Text: D. Ristau

Alexander Kohlmann (1925-1996)

als "jüdischer Mischling 1. Grades" verfolgt

Stolpersteininschrift:

HIER WOHNTE
ALEXANDER
KOHLMANN
JG. 1925
GEDEMÜTIGT / ENTRECHTET
SCHULVERBOT
ZWANGSARBEIT 1944
FRANKREICH
ÜBERLEBT

Hans Alexander Kohlmann wurde am 19. April 1925 in Großenhain geboren und zog 1932 mit seiner Familie nach Radebeul, wo er die örtliche Volksschule besuchte. Als „jüdischer Mischling 1. Grades“ war er zunächst von einigen antisemitischen Maßnahmen verschont, geriet jedoch zunehmend unter Verfolgungsdruck. Von 1939 bis 1941 besuchte er das private Internat Institut auf dem Rosenberg in St. Gallen (Schweiz). 
Nach seiner Rückkehr besuchte er die Vorbereitungs-Anstalt von Curt Laue in Dresden und legte Anfang 1943 noch die Mittelschulprüfung ab. Ein Studium blieb ihm aufgrund der NS-Verfolgung verwehrt.

1942 wurde Kohlmann als kriegsverwendungsfähig gemustert, jedoch nicht zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Ab April 1944 musste er bei der Organisation Todt Zwangsarbeit leisten. Nach der alliierten Landung in der Normandie wurde er im Juni 1944 zum Dienst bei der Wehrmacht verpflichtet und geriet kurz darauf in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Im Prisoner of War Camp Camp Joseph T. Robinson in Arkansas absolvierte er Ende 1945 einen Englischkurs.

Nach seiner Entlassung kehrte Kohlmann in die Sowjetische Besatzungszone zurück und wurde im April 1946 nach Radebeul entlassen. 1947 begann er ein Medizinstudium an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, das er 1952 mit dem Examen abschloss. Im selben Jahr wurde er als Opfer des Faschismus anerkannt.

Am 27. Februar 1953 verließ Kohlmann gemeinsam mit seiner Mutter und Schwester die DDR. Nach seiner Anerkennung als Flüchtling siedelte er in die Bundesrepublik über. 1955 promovierte er an der Universität Frankfurt am Main. Nach mehreren Assistenzarztstellen gründete er 1962 eine eigene radiologische Praxis in Frankfurt, die er 1990 schloss.

Kohlmann heiratete 1957 Johanna, geb. Hampel (1931–2023); das Paar hatte zwei Kinder. Nach dem Mauerfall erlebte er gemeinsam mit seiner Schwester die Rückübertragung der Villa in der Zinzendorfstraße 16 in Radebeul und ihres Inventars an die Familie. Seine vor der Flucht angefertigten Fotografien der Kunstgegenstände und Antiquitäten hatten die Rückerstattung erleichtert. Alexander Kohlmann starb am 2. April 1996 in Frankfurt am Main.

Text: D. Ristau