Die Jury im interdisziplinären Wettbewerb für Architekten und Ingenieure hat sich beim geplanten Neubau einer dreizügigen Grundschule Oberlößnitz mit Hort, Sporthalle und Jugendtreff im Passivhaus-Standard am 1.2.2010 für den eingereichten Entwurf von delia bassin architekten und hoyer.ille architekten Dresden in Arbeitsgemeinschaft mit PSM Planungsgesellschaft für Gebäudetechnik und RMP Stephan Lenzen Landschaftsarchitekten entschieden (= 1. Preis nach Überarbeitung).
Blicken wir an dieser Stelle noch einmal zurück: Ganz Sachsen schrumpft! Doch eine Stadt an der Elbe widersetzt sich dem demografischen Wandel und wächst. Sie wächst so schnell und nachhaltig, das die soziale Infrastruktur nicht mehr mithalten kann. Die Stadtspitze erkannte frühzeitig die sich daraus ergebenen Kapazitätsprobleme und brachte nach den grundsätzlichen Entscheidungen im Stadtrat einen Architekturwettbewerb auf den Weg.
In den letzten Jahren wurde bereits erheblich in die Schullandschaft investiert. Denken wir z.B. an den Schulhort Niederlößnitz oder an das Weinberghaus des Gymnasiums Luisenstift, beides Resultate von Architekturwettbewerben. Jetzt also die Grundschule Oberlößnitz. Untergebracht auf einem kleinen, nicht erweiterungsfähigen Grundstück musste den Raumproblemen in den letzten Jahren wenigstens provisorisch mit Containern begegnet werden. Doch weder von den weiterhin wachsenden Schülerzahlen noch vom Raumangebot eine Dauerlösung. Es stellte sich schnell heraus: auf diesem Grundstück kann es für eine zukünftig dreizügige Grundschule keine Zukunft geben. Ganz zu schwiegen von der fehlenden Sporthalle.
So wurde das alte Mittelschulgrundstück am Augustusweg - unweit der jetzigen Grundschule - als neuer Standort auserkoren. Dies war möglich durch die Zusammenlegung der beiden früheren Mittelschulen Oberlößnitz und Pestalozzi zur Mittelschule Radebeul-Mitte am neuen Standort Wasastraße. Das rund 44.000 qm große Wettbewerbsgrundstück ist derzeit u.a. bebaut mit einem 1972 errichteten Plattenschulgebäude vom "Typ Dresden". Leider ist die Bausubstanz in einem beklagenswerten Zustand. Nach Auswertung eines Bauzustandsgutachtens fiel die Entscheidung zugunsten einer kompletten Neubaulösung. Damit war erstmals eine hinsichtlich der Energieeffizienz einmalige Chance gegeben. Die Realisierung einer auch unter betriebswirtschaftlichen Aspekten klimaschonenden Gebäudehülle im sogenannten Passivhaus-Standard. Zum Zeitpunkt des Stadtratsbeschlusses noch vorsichtig formuliert, ist Deutschland inzwischen durch die Verschärfung der Energieeinsparverordnung auf direktem Kurs dorthin. Vor diesem Hintergrund wurde unser Wettbewerb als beispielgebendes Projekt mit Fördermitteln durch die Sächsische Energieagentur bzw. die Sächsische Aufbaubank als deren fördermittelbewirtschaftende Dienststelle bedacht.
Bei dem nun im Fokus stehenden Gelände handelt es sich durchaus um eine historisch, kulturlandschaftlich und gartengeschichtlich sehr bedeutsame Situation. Bereits 1672 gibt es Belege für ein repräsentatives Berg- und Lusthaus an Stelle der heutigen oberhalb der Typenbauschule gelegenen "Villa Wach". Im ausgehenden 18. Jahrhundert lag an dieser Stelle der größte zusammenhängende Weinbergbesitz der Oberlößnitz. Nach Umbauten 1912/13 wurde das private Anwesen 1940 an das Deutsche Rote Kreuz übergeben und nach dem II. Weltkrieg über ein Jahrzehnt durch die sowjetische Armee genutzt. 1958 begann die Schulnutzung in der Villa und auf dem Grundstück; das jetzige Hortgebäude und die Sporthalle stammen ebenfalls aus dieser Zeit. Seit Errichtung des Typenschulbaus wird die "Wachsche Villa" als Kinderheim genutzt, seit 1992 in Trägerschaft der "Kinderarche Sachsen".
Noch heute lassen sich Reste der früher herrschaftlichen Treppen- und Brunnenanlagen sowie Kleinarchitekturen im verwilderten Park erkennen. Die frühere Ausstrahlung des Gebäudes und der Parkanlage sind aber leider kaum noch zu erahnen. Daher ist die Gestaltung der Freiflächen mit Einbindung der Erschließung von Villa, Weinberg und zum Wanderweg nach Wahnsdorf eine wichtige Aufgabe des Wettbewerbs gewesen. Bis auf die Villa standen alle weiteren Baulichkeiten auf dem Wettbewerbsgrundstück zur Disposition.
Die Wettbewerbsaufgabe orientierte darauf, Grundschule, Hort, Jugendtreff und Sporthalle barrierefrei möglichst in einem gemeinsamen Gebäude zu integrieren. Grundlage dieses Gedankens waren mögliche Vorteile bei gemeinsamer Nutzung von Funktionsbereichen, ein sparsamer Umgang von Grund und Boden sowie als Voraussetzung für einen wirtschaftlich und energetisch günstigen Baukörper. Dieser Anspruch sollte mit der Anforderung nach einer dem städtebaulichen Zusammenhang angemessenen Einfügung des Gebäudes erfüllt werden.
So orientierte sich die Stadt in ihren Überlegungen bei Auslobung des Wettbewerbs auf einen zukunftsfähigen Neubau, bei dessen Konzeption und Errichtung Maßnahmen zur Reduzierung des Energieverbrauchs eine wichtige Rolle spielen. Bekanntermaßen bilden in der Lebensdauer eines Gebäudes die Betriebskosten einen wesentlichen Anteil an den Gesamtkosten. Bei steigenden Energiepreisen wird dieser weiter zunehmen. Daher wurden Lösungen erwartet, bei denen die städtebauliche Einfügung, Gestaltung und Funktionalität des Baukörpers gemeinsam mit der Planung der Gebäudetechnik dieses Ziel erfüllen. Durch Aufstellung einer Energiebilanz mussten von den Wettbewerbsteilnehmern die Einhaltung des Passivhausstandards nachgewiesen und gleichzeitig die CO2-Emissionen ermittelt werden. Die technische und energetische Konzeption für Wärmeerzeugung und Beheizung, punktuelle Warmwasserversorgung, Lüftung und sommerlicher Wärmeschutz waren zusammen mit einem Nachweis der Wirtschaftlichkeit und den jährlich anfallenden Energiekosten darzustellen.
Dieser Wettbewerb beschritt also in vielerlei Hinsicht Neuland: Zum einen die Interdisziplinarität; die Architekten mussten sich zwingend mit Ingenieuren für technische Gebäudeausrüstung zu einer gleichberechtigten Arbeitsgemeinschaft in Zusammenarbeit mit Landschaftsarchitekten zusammenschließen. Zum anderen die deutliche Ausrichtung auf den angestrebten Passivhaus-Standard mit geringen Bewirtschaftungs- und Folgekosten und entsprechend detaillierter Nachweisführung. Und es war aufgrund des errechneten Baukostenvolumens von mind. 8,5 Mio. Euro der erste europaweit auszuschreibende Wettbewerb unserer Stadt.
Dass es trotz dieser Hürden eine spannende Aufgabe war, bewies das große Interesse mit 87 Bewerbungen - auch aus dem europäischen Ausland, die mittels entsprechender nachzuweisender Referenzen ihr Interesse bekundet hatten; 30 Arbeitsgemeinschaften konnten sich dann - gemäß der Auslobung per Los ermittelt - über eine Zusage zur Teilnahme freuen. Dass die ambitionierte Aufgabe in dem bis zur Abgabe am 16.10.2009 gesetzten Zeitraum nicht unlösbar war, bewies die hohe Zahl der 28 eingereichten Arbeiten (darunter auch eine aus Paris), die das Preisgericht am 25./26.11.2009 anonymisiert zur Begutachtung auf dem Tisch zu liegen hatte.
Stundenlang rauchten unter dem Vorsitz des früheren Staatssekretärs im Bauministerium, dem freien Architekten Michael Bräuer aus Rostock die Köpfe. Es wurde analysiert, diskutiert und letztlich anhand der vom Stadtentwicklungsausschuss beschlossenen Beurteilungskriterien entschieden. Nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe bestand das Preisgericht aus sechs Fachpreisrichtern und fünf Sachpreisrichtern. Als Fachpreisrichter fungierten Professor Thomas Albrecht vom Büro Hilmer, Sattler und Albrecht -HSA- aus München/Berlin, Wolfgang Hasper vom Passivhaus-Institut Darmstadt bzw. als sein Vertreter Uwe Kluge von der Sächsischen Energieagentur Dresden, Professor Hermann Kokenge von der TU Dresden bzw. als sein Vertreter Professor Cornelius Scherzer, Professorin Angela Mensing - de Jong von der HTW Dresden (stellvertr. Juryvorsitzende) und Dr. Jörg Müller von der Stadt Radebeul.
Als Sachpreisrichter waren stimmberechtigt: Silke Nitschel als stellvertr. Leiterin der Grundschule Oberlößnitz, Catja Cohn als Leiterin des Schulhortes Oberlößnitz, Gabriele Schirmer und Gunter Jahn als Stadträte und nicht zuletzt Raphaela Polak als Abteilungsleiterin Allgemeinbildende Schulen und Kindertagesbetreuung im Sächsischen Kultusministerium. Ferner waren eine Reihe von nicht stimmberechtigten stellvertretenden Fach- und Sachpreisrichtern sowie sachverständigen Beratern anwesend, die sich ebenfalls in den Diskussionsprozess einbrachten.
Der Wettbewerb wurde betreut durch Steffen Rau und Thomas Hoffmann mit ihren Büroteams sowie verwaltungsintern durch Roland Schiese mit seinem Hoch- und Tiefbauamt. Sie alle tragen ganz wesentlichen Anteil am Erfolg dieses Wettbewerbes.
Doch nun zu den Preisträgern. Als Preissumme standen 70.000 Euro zur Verfügung. Es gab 4 Preise und drei Anerkennungen.
Mit einer Anerkennung zu je 5.000 Euro wurden ausgezeichnet:
Mit einem 4. Preis zu 7.500 Euro wurde ausgezeichnet:
Mit einem 3. Preis zu 12.000 Euro wurde ausgezeichnet:
Mit einem 2. Preis zu je 17.750 Euro wurden ausgezeichnet:
Ein erster Preis wurde im November 2009 nicht vergeben. Stattdessen wurden die beiden zweiten Preisträger zu einer Überarbeitung aufgefordert, die das Preisgericht am 1. Februar 2010 begutachtet und darauf aufbauend eine Empfehlung zur Beauftragung ausgesprochen hat.
Der fünfte Radebeuler Architektenwettbewerb seit 2004 ist damit abgeschlossen. Wie geht es nun weiter: Die hauptamtliche Stadtverwaltung wird sich jetzt eingehend mit der Entscheidung beschäftigen und den zuständigen städtischen Gremien eine entsprechende Beschlussempfehlung geben. Doch machen wir uns nichts vor: Angesichts der dramatischen Entwicklung der Finanzlage der kommunalen Haushalte in Folge der Wirtschaftskrise wird die Umsetzung dieses Vorhabens auch unter Inanspruchnahme von Fördermitteln eine immense Herausforderung werden, die nur über einen Zeitraum von mehreren Jahren zu stemmen sein wird.
Dr. Jörg Müller
Erster Bürgermeister und Beigeordneter für Stadtentwicklung